Tagung Olfaktologie und Gustologie: Abstracts

Erlangen, 3. - 4. Dezember 1999






4. Retropharyngeales Riechen



Heilmann S1, Damm M2, Rosenheim K1, Strehle G1, Hummel T1
1HNO Klinik, Universität Dresden, Fetscherstr. 74, 01307 Dresden;
2HNO Klinik, Universität Köln, Köln


Ziel der Untersuchung war es, ein Testset zur Untersuchung des retropharyngealen Riechens zu entwickeln und das ortho- und retronasale Riechen bei Patienten mit Riechstörung und gesunden Probanden zu vergleichen. Zur Bestimmung des retronasalen Riechvermögens untersuchten wir 230 Probanden mit Normosmie (n=120), Hyposmie (n=37) und Anosmie (n=73). Das orthonasale Riechvermögen wurde mittels psychophysischer Testung unter Verwendung der "Sniffin`Sticks" getestet. Zusätzlich wurde die Diagnose "Anosmie" mit Hilfe von olfaktorisch evozierten Potentialen bestätigt. Zur retronasalen Stimulation wurden Nahrungsmittel verwendet, die als Pulver erhältlich waren (z.B. Gewürze oder Getränkepulver). Die ausgewählten 30 Substanzen wurden mit Hilfe von kompressiblen Plastikbehältern mit einem etwa 6 cm langen Ansatzstutzen appliziert. Die Probanden konnten die Probenmenge frei wählen, im einzelnen Versuch wurden ca. 0,05g der Substanz auf das vordere Drittel der Zunge aufgebracht. Nach jedem Versuch spülten die Probanden den Mund mit Wasser. Jede Substanz wurde mithilfe einer Liste von vier Begriffen identifiziert. Zusätzlich wurde durch den Probanden die Beschreibung des Geschmacks (süß, sauer, salzig, bitter) gegeben.

Von den für die retronasale Testung verwendeten 30 Substanzen wurden 20 ausgewählt, abhängig davon, wie gut sie von Normosmikern und Anosmikern identifiziert wurden. Substanzen wurden nicht berücksichtigt, wenn sie (a) von Normosmikern schlecht identifiziert wurden (Kümmel, Anis, Blaubeere, Mandel, Sauerkirsche, Speck, Senf, Kokosnuß) und (b) von Normosmikern, Hyposmikern und Anosmikern gleichermaßen erkannt wurden (Zitrone, Pfeffer).

Bezogen auf gesunde Probanden lag die Test-Retest-Reliabilität für die retronasale Testung bei r27= 0.76. Dieser Wert ist mit anderen, orthonasalen Identifikationstests vergleichbar. Bei Normosmikern zeigten sich geschlechtsbezogene Unterschiede (55 Männer, 63 Frauen, mittl. Alter 33,5 Jahre), wobei Frauen bessere Ergebnisse zeigten als Männer (t=2,77, df 118, p=0,007) die Indentifikationsleistung sank im Alter geringfügig (r118=-,20, p=0,027). Bei Normosmikern und Hyposmikern (r86=0,74) zeigte die orthonasale und retronasale Testung eine Korrelation p<0,001. Dies war jedoch nicht nachweisbar, wenn nur Hyposmiker betrachtet wurden (r37=0,21, p=0,21). Die retronasale Testung erlaubte die Unterscheidung von zwischen Normosmikern, Hyposmikern und Anosmikern (F[2,229]=279, p<0,001). Die Identifikationsleistung von Anosmikern stieg mit der Dauer der Anosmie (r60=0,30, p=0,018). Zwischen Patienten mit Anosmie unterschiedlicher Genese zeigten sich keine Unterschiede.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß die Bestimmung der Riechleistung mittels oraler Präsentation des Reizes möglich ist. Die Effekte von Alter und Geschlecht auf das Riechvermögen lassen sich in orthonasaler und retronasaler Testung nachvollziehen. Der Test erlaubt die Unterscheidung von normosmischen, hyposmischen und anosmischen Patienten. Im Falle der Hyposmie korrelierten orrthonasale und retronasale Testscores nicht. Eine mögliche Erklärung dafür könnte die Interaktion zwischen enoraler Perzeption und dem Riechsinn sein. Die Ergebnisse bezüglich anosmischer Patienten weisen auf adaptive Veränderungen in der Verarbeitung intraoraler Reize hin.

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